Jochen Voigt: „Die Begeisterung für Daguerreotypien entwickelte sich bei mir um 1986, als ich gemeinsam mit meiner damaligen Frau, der Chemnitzer Fotografin und Leiterin der Bildstelle des Stadtarchivs Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) May Voigt, auf einem Flohmarkt ein solches Objekt fand. Durch die Beschäftigung mit historischer Fotografie wussten wir um das Erscheinungsbild dieser Silberbilder. Allerdings hatte sich die Daguerreotypie schwarz verfärbt und ließ das Motiv nicht mehr erkennen. Für 30 Mark kauften wir trotzdem das „Geisterbild“ und trugen es stolz nach Hause.
Wenig später brachen wir nach Dresden auf, wo wir in der Sächsischen Landesbibliothek nach Literatur zu suchen begannen, die uns bei der Frage behilflich sein sollte, ob und wie man so ein völlig verschwundenes Bild wieder sichtbar machen könnte. Wir fanden ein relativ neues deutschsprachiges Buch, das in der BRD erschienen und natürlich nicht auf dem Buchmarkt der DDR erhältlich war. Mit ihrer Praktika fotografierte meine Frau die betreffenden Seiten ab, denn Kopierer gab es damals noch nicht. In der heimischen Dunkelkammer wurde die kostbare Ausbeute entwickelt und vergrößert. Dargelegt wurde eine Methode, die heute nicht mehr praktiziert wird, für uns damals aber den Einstieg in das große Thema darstellte. In Thioharnstoff wurde die geschwärzte Platte gebadet, wodurch sich das Silbersulfid fast vollständig auflöste. Zum Vorschein kam das fast unbeschädigte Bildnis einer eleganten Dame. Über die Dargestellte und den Daguerreotypisten, der sich per Klebeschild auf der Rückseite verewigt hatte, sollten wir erst viele Jahre später Näheres herausfinden. Er gehörte zu den frühen sächsischen Pionieren der Fotografie.
Um es vorwegzunehmen: diese Daguerreotypie blieb unser einziger Flohmarktfund in vier Jahrzehnten. Es waren vielmehr Auktionen, auf denen wir unsere späteren Stücke weltweit erwarben. Auch bei internationalen Fotografiehändlern und anderen Sammlern kauften wir manches unserer Stücke. Uns ging es von Anfang an um künstlerisch beeindruckende Bildleistungen bei bestem Erhaltungszustand. Wir suchten (und fanden) unberührte Stücke, die weder zerkratzt noch chemisch behandelt worden waren.“
Zum Sammeln und Restaurieren trat die Forschung, da die Beschäftigung mit Daguerreotypien immer noch ein Desiderat darstellte. Außerdem bauten May und Jochen Voigt die erste website im deutschsprachigen Raum auf, die sich ausschließlich der Daguerreotypie widmete. Ergebnis des ersten größeren Forschungsprojektes von Voigt zur Daguerreotypie war 2004 der Band „Der gefrorene Augenblick“ (siehe unter „FORSCHUNG“), der sich mit dem Beitrag Sachsens zur Frühgeschichte der Fotografie in Deutschland beschäftigt. Zeitgleich eröffneten die beiden eine erste kleine Ausstellung mit Daguerreotypien aus ihrer Sammlung in der Dresdner Bank in Chemnitz, die sich als Förderin in das Buchprojekt eingebracht hatte. 2007 kam es dann zu einer Kooperation mit den Kunstsammlungen Chemnitz, in deren Ergebnis die erste reine Daguerreotypieausstellung nach 1945 in Deutschland stattfand – gezeigt wurden ausschließlich Objekte aus der Sammlung von May und Jochen Voigt. Die Zeitschrift WELTKUNST schrieb damals:
„Durch das Polieren der versilberten Kupferplatte, die als Träger des fotografischen Bildes fungierte, entstand eine mit einem Spiegel vergleichbare Metalloberfläche. Der Amerikaner Oliver Wendell Holmes (1809-1894) prägte deshalb die Metapher vom “Spiegel mit Gedächtnis“ für die frühen Fotografien, die nach dem Schöpfer des 1839 veröfentlichten Verfahrens, dem Pariser Lithografen, Landschaftsmaler und Dioramenbesitzer Jacques Mandé Daguerre (1787-1851), Daguerreotypien heißen. Diesen empfindlichen Lichtbildern widmet sich jetzt das Chemnitzer Schloßbergmuseum mit der Ausstellung „Spiegelbilder. Europäische und amerikanische Porträtdaguerreotypie 1840–1860“. In der aufwändigen Schau, die den künstlerischen Aspekt der Porträts betont, sind 100 dieser fotografischen Unikate zu sehen. Mit der Ausstellung tritt erstmals das Chemnitzer Sammlerpaar May und Jochen Voigt in die museale Öffentlichkeit. Die Fotografin und der Professor für Design – beide lehren am Fachbereich Angewandte Kunst der Westsächischen Hochschule Zwickau – entdeckten die Daguerreotypie vor gut 20 Jahren für sich, inspiriert vom Interesse an historischer Fotografie und am Porträt. Seitdem hat sie das spiegelnde Faszinosum nicht mehr losgelassen, und sie haben eine Kollektion aufgebaut, die durchaus mit denen vieler deutscher Museen konkurrieren kann. (...) Für die Ausstellung haben sie neben Arbeiten unbekannter früher Fotografen zahlreiche Werke bekannter Lichtbildner ausgewählt, darunter Southworth & Hawes (Boston), Rufus Anson (New York), Antoine Francois Claudet und WilliamEdward Kilburn (London), Francois Désiré Millet (Paris), Andreas Grolln (Wien), Carl Ferdinand Stelzner (Hamburg) und Bertha Wehnert-Beckmann (Leipzig). Die Internationalität von Sammlung und Schau lässt die „Spiegelbilder“ zugleich zum Zeitspiegel werde.“
(Ingrid Koch: Spiegel mit Gedächtnis, in: Weltkunst Heft 12/2007, S. 10.)
Das von Jochen Voigt verfasste Ausstellungsbuch „Spiegelbilder. Bildnisse aus der Sammlung May und Jochen Voigt“ erschien ausstellungsbegleitend und wurde 2008 für den Deutschen Fotobuchpreis nominiert. Es war äußerst schwierig, die spiegelnden Bildnisse für das Buch zu fotografieren. May Voit hatte nach vielen Experimenten eine spezielle Technik entwickelt, die ausgezeichnete Ergebnisse hervorbrachte. Dieser Methode verdankten wir die exzellente Wiedergabe der Objekte im Buch.
„Trotz der großen Bedeutung der Daguerreotypie als geschichtliches und kunstgeschichtliches Kulturgut steht leider immer noch eine umfassende Ausstellung zur Daguerreotypie des deutschen Sprachraumes aus. Nach den großen Projekten in Frankreich, Österreich, der Schweiz und in Italien ist dies eigentlich zwingend geboten. Dass uns nun mit dieser so sorgfältig bearbeiteten Publikation ein großartiger Einblick in die Daguerreotypien-Sammlung von May und Jochen Voigt gewährt wird, tröstet über dieses Vakuum hinweg, lässt neue Hoffnungen aufkommen und kann nur mit großer Freude und Dankbarkeit begrüßt werden.“
(Bodo von Dewitz im Geleitwort des Buches, 2007)
Unbekannter Daguerreotypist . Porträt zweier Kinder mit ihrem Hund . USA . 1950er Jahre . Sechstel Platte im originalen Etui
Eduard Wehnert . Doppelporträt des Wissenschaftlers Gustav Theodor Fechner und seines Freundes Pfarrer Maximilian Gustav Rüffer. Leipzig um 1845 . Ganze Platte im Originalrahmen
Samuel van Loan & John Jabez Edwin Mayall . Porträt dreier Mädchen . Philadelphia um 1844–45 . Viertel Platte im originalen Etui
Unbekannter Daguerreotypist . Porträt eines ängstlichen Mädchens, das von seiner Mutter beruhigt wird. USA um 1845–48 . Sechstel Platte im originalen Etui
Unbekannter Daguerreotypist . Vier Goldsucher bei ihrer Arbeit . USA um 1850 . Sechstel Platte im originalen Etui
Unbekannter Daguerreotypist . Porträt einer Frau in Tracht . Frankreich 1850er Jahre . Viertel Platte im originalen Rahmen
Jochen Voigt: Spiegel mit Gedächtnis: Die Daguerreotypie – eine Frühform der Fotografie, in Weltkunst Nr. 9, München 2005, S. 36–39.
Ausblick
2023/24 gelangten die 280 Daguerreotypien der Sammlung Voigt in das Grassi Museum für Angwandte Kunst nach Leipzig, das 2024 seinen 150. Geburtstag feiert. Einige von ihnen sind in dem Jubiläumsbuch „Neue Perspektiven – Die Sammlung Jochen Voigt im Grassi Museum für Angewandte Kunst Leipzig“ publiziert:
https://www.passageverlag.de/produkt/neue-perspektiven/