Henry William Burgess . Waldrand . England um 1827 . Bleistift mit Lavierungen und Weißhöhungen

Zeichnungen & Aquarelle

Landschaften auf Papier

Der Interpretation von Landschaft in der Kunst des 19. Jahrhunderts gilt Jochen Voigts Hauptinteresse und meint in erster Linie Radierungen, Zeichnungen und Aquarelle. Die Bandbreite der in vielen Jahren zusammengetragenen Blätter vermag den Kosmos anzudeuten, der ganz im Goetheschen Sinne nicht nur aus einigen intensiv leuchtenden Sternen besteht, sondern aus unzähligen größeren und kleineren Lichtern, die erst im Zusammenspiel dieses Universum bilden. Der Sternenhimmel der Kunst, um bei dieser Metapher zu bleiben, flimmerte im betrachteten Zeitraum dichter als in den zurückliegenden Jahrhunderten, da sich die Zahl der Kunstausübenden stark erhöht, die Bildthemen enorm erweitert und die künstlerischen Strömungen vervielfacht haben. 
Jochen Voigt: „Bereits früh hat mich die Vielschichtigkeit in der europäischen Kunst auf Papier fasziniert. Mich begeistern die unterschiedlichen Herangehensweisen und Techniken, die fremden Namen und auch die erkennbaren Beeinflussungen und Gemeinsamkeiten. Im Nebeneinander machen die gesammelten Arbeiten die häufigen Perspektivwechsel deutlich, die der Kunst des 19. Jahrhunderts ihren Stempel aufdrücken. Das langsame Zurückdrängen der italienischen (oft idealisierten) Landschaft zugunsten der eigenen, landestypischen Regionen ist eine Erscheinung, die dem erwachenden Nationalgefühl in den einzelnen Ländern künstlerischen Ausdruck verlieh. Schon Ende des 18. Jahrhunderts begannen sich die Auffassungen über die Motivwürdigkeit von Landschaft in der Malerei zu ändern, wenn auch zunächst nur in kleinen Schritten. Landschaft galt bisher – von der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts abgesehen – nur als Folie für antike Themen, nicht aber als eigenständige Bildfindung. Insbesondere der verstärkt in England betriebenen Aquarellmalerei eröffnete sich nun mit der autonomen Landschaft ein großes Thema.
Das Interesse der Künstler galt nicht nur intensiven Naturbeobachtungen, welche Lichterscheinungen am Himmel und die Vegetation einschlossen; sondern es rückte auch den einfachen Menschen bei seiner Tätigkeit und mit seinen Behausungen in den Fokus. Neue technische Errungenschaften wie die Dampfeisenbahn oder sogar Fabrikanlagen mit ihren rauchenden Schornsteinen fanden Eingang in die Landschaftsmalerei, wenn auch zunächst nur mit gewissem Zögern.“
 

Aquarell und Zeichnung

Die Techniken des Aquarells und der Zeichnung gelten als besonders spontan und unkorrigierbar – ganz im Gegensatz zum Ölgemälde. Sie machen uns mit dem vertraut, was den Künstler im kurzen Moment des Entstehens bewogen hat. Schon immer kam daher der Zeichnung ein besonders exklusiver Stellenwert zu.
 

Neubewertung

In den letzten 25 Jahren hat sich der Blick der Kunstwissenschaft und des Kunstmarktes auf das 19. Jahrhundert nach und nach verändert und zu einer Neubewertung geführt, die längst noch nicht abgeschlossen scheint. Die Zahl der Dissertationen, Publikationen und Auktionen, die auf der Kunst des 19. Jahrhunderts basieren, haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Zahlreiche Maler, die längst in Vergessenheit geraten waren, konnten durch gezielte Forschungen wieder in das Bewusstsein der heutigen Generation rücken. Auch bisher völlig unbekannte Künstler sorgen für große Überraschungen.
 

Einige Beispiele (von oben nach unten)

Henry William Burgess . Waldrand . Bleistift mit Lavierungen und Weißhöhungen . England um 1827

Bereits in sehr jungen Jahren hatte der aus einer großen Familie mit künstlerischem Background stammende Künstler – Großvater, Vater und zwei Brüder gingen ebenfalls der Malerei nach – eine eigenständige, unverwechselbare Handschrift ausgebildet. Seine bevorzugten Techniken waren die Bleistift- bzw. Kreidezeichnung sowie Zeichnungen mit Lavierung in der Art, wie das hier vorgestellte Blatt.

Jean-Baptiste-Louis Hubert . Studie eines Kastanienbaumes . Aquarell . Frankreich vermutl. Ende 1830er Jahre

Jean-Baptiste-Louis Hubert wurde 1801 in Paris geboren. Der Künstler erweist sich als ausgezeichneter Beobachter der typischen Merkmale von Bäumen, die auch in seinen Landschaftsdarstellungen oft eine sehr wichtige Rolle einnehmen. Die offenbar uralte Esskastanie, deren Hauptäste wohl schon vor langer Zeit abgesägt und durch Einwirkung von Witterungsunbilden zu weich gerundeten Stümpfen geformt wurden, scheint eine ungebrochene Lebensenergie zu besitzen.

Thomas Brabazon Aylmer . Der Apollotempel im Stourhead Garden . Bleistift, Pastell, Weißhöhung . England 1830

Von Thomas Brabazon Aylmer sind Ölgemälde bekannt, vor allem aber Aquarelle und noch mehr Bleistiftzeichnungen. Er war ein durch Europa weit gereister Landschaftsmaler und -zeichner. Die hier gezeigte Zeichnung entstand in Aylmers Heimat England, in einem der frühen Landschaftsgärten, nämlich in Stourhead in Wiltshire, angelegt 1741 bis 1765 durch den englischen Banker und Kunstmäzen Henry II. Hoare.

Henry Bright . Blick auf Rom . schwarze Kreide, Pastell . Italien 2. H. 19. Jahrhunder

Henry Bright wurde 1810 in Saxmundham in der Grafschaft Suffolk geboren. 1833 heiratete er und zog 1836 mit seiner kleinen Familie nach London. Schon 1839 wurde Bright Mitglied der New Society of Painters in Water Colours, die ihm die Möglichkeit des Ausstellens bot, was er auch über mehrere Jahre wahrnahm. Ebenso wichtig war ihm die Mitgliedschaft in der Graphic Society zu London. Bright reiste durch England, Schottland, Wales und einige europäische Länder, was sich an seinen Motiven nachvollziehen lässt.

Peter DeWint . Herbstliche Landschaft . Aquarell . England 1840er Jahre

1809 begann DeWint ein Studium an der Royal Academy, 1810 heiratete er die Schwester Harriet seines Malerfreundes William Hilton. Schon 1811 wurde er Vollmitglied in der Society of Painters in Water Colours. Er entwickelte sich in Folge zu einem der bedeutendsten englischen Aquarellisten des 19. Jahrhunderts. Seine Büste schmückt neben denen weiterer namhafter Vertreter die Fassade des Gebäudes des Royal Institute of Painters in Water Colours am Picadilly in London.

Francois-Edouard Bertin . Mondbeschienene Landschaft bei Amalfi . schwarze und weiße Kreide auf olivbraunem Papier . Italien 1843

Bertin stammte aus einer intellektuellen Familie mit weitreichenden Verbindungen. Sein Vater, der bekannte Journalist Louis-Francois Bertin, gründete und leitete das Journals des débats, eine der einflussreichsten Zeitungen in Frankreich. Reisen führten den Künstler nach Belgien, Deutschland, Spanien, Holland, in die Schweiz, in die Türkei, nach Griechenland, den Libanon, Ägypten und – immer wieder nach Italien.  Das Sujet, die klassizistische Art des Zeichnens und der charakteristische Bogenabschluss des Motivs verweisen klar auf Bertin, dessen Urheberschaft zusätzlich durch den authentischen Atelierstempel unten links am Bildrand verifiziert wird.

Anthony Vandyke Copley Fielding . Landschaft mit Spaziergängen . Aquarell . England 1826

Fielding war der Sohn des englischen Landschafts- und Porträtmalers Nathan Theodore Fielding, von dem er seinen ersten Unterricht erhielt. Der junge Fielding übte sich zunächst vor allem im Kopieren der Bilder seines Vaters, bevor John Varley in London wesentlichen Einfluss auf die künstlerische Entwicklung nahm und sich Fielding zu einem bekannten Landschafter aufschwang.  Mit kräftigen Pinselstrichen ist das Bild sehr wahrscheinlich direkt vor Ort gemalt, so wie es John Varley immer wieder gefordert und mit seinen Schülern trainiert hatte. Besonders beeindrucken die vielen Farbschattierungen, in denen die Bäume angelegt wurden.
 

Ausblick

Durch Schenkung gelangten Voigts gesammelte Arbeiten des 19. Jahrhunderts 2023/24 in in den Besitz des Grassi Museums für Angewandte Kunst nach Leipzig. Zu gegebener Zeit mehr dazu unter „STORIES“.