Die Begeisterung für sachliches Metallgerät aus den 1920er und 1930er Jahren erfasste Jochen Voigt schon während seines Designstudiums, doch waren damals die Möglichkeiten für den Erwerb solcher Objekte aus zweierlei Gründen beschränkt: zum einen fehlte das Kleingeld, zum anderen waren die Quellen auf Haushaltsauflösungen und Flohmärkte beschränkt. Erst in späteren Jahren kamen neue Möglichkeiten hinzu, wie beispielsweise das Internet.
Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie unterbewertet bis in die neunziger Jahre Metallobjekte im Geiste des Bauhauses waren, die heute kaum noch erschwinglich sind. Jugendstil war sehr beliebt, doch Voigt suchte das gestalterische Gegenteil – die „Neue Sachlichkeit“. Aber auch die luxuriösen Verrücktheiten des Art déco oder die expressiven Metallarbeiten des in Hellerau bei Dresden wirkenden Künstlers Georg von Mendelssohn trafen ganz seinen Nerv für fortschrittliche Gestaltung. Besonders interessiert sich Voigt für die Entwicklung der Firma August Wellner Söhne im erzgebirgischen Aue, die als eine der größten Hotelsilber-Firmen Europas ihre Produkte sprichwörtlich weltweit vertrieb und auch an der Ausstattung zahlreicher Luxusliner beteiligt war.
Die Geschichte dieser Hotelsilber-Fabrik begann schon im 19. Jahrhundert im erzgebirgischen Ort Aue, als der junge Blaufarbenfabrikarbeiter Christian Gottlieb Wellner Interesse an einer neu entdeckten Metalllegierung fand, die der Chemiker Ernst August Geitner im benachbarten Schneeberg entdeckt hatte. Geitner war die Nacherfindung des chinesischen Packfongs gelungen, einer Nickel-Kupfer-Zink-Legierung, die wie Silber glänzte. Schon im 17. Jahrhundert war Packfong aus dem Reich der Mitte nach Europa gelangt, doch glückte erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Entschlüsselung seiner Zusammensetzung. Im thüringischen Suhl gelang um 1770 die Herstellung von sogenanntem Weißkupfer, welches dem Packfong sehr ähnlich war. Allerdings enthielt es das hochgiftige Arsen, weshalb man es nicht für Speisegeräte verwenden konnte.
Als der Berliner Verein für die Förderung des Gewerbefleißes 1823 die Preisaufgabe stellte, eine lebensmittelechte Legierung zu finden, die dem Silber ähnelte, war es Geitner, dem dies als erstem gelang. Er nannte sie Argentan, abgeleitet vom lateinischen Wort Argentum für Silber. Schon ein Jahr später brachten die Gebrüder Heniger in Berlin eine ähnliche Legierung auf den Markt, die sie Neusilber tauften. Beiden gemeinsam waren die Legierungsbestandteile, die nur in ihrem Verhältnis leicht variierten. Der Hauptbestandteil Kupfer beträgt zwischen 47 und 64 %, außerdem kommt 10 bis 25 % Nickel hinzu und 15 bis 42 % Zink. Geitner hatte in Aue eine kleine Argentan-Fabrik gegründet, in der Christian Gottlieb Wellner seine Kenntnisse erwarb. Die nutzte er, um sich 1845 selbstständig zu machen. Mit seiner Argentan-Gießerei und dem zugehörigen Walzwerk begründete er in Aue das später zu einer der größten Fabrikationsstätten seiner Art in Europa aufsteigende Familienunternehmen Wellner. Da er bereits 1857 starb, führten seine beiden Söhne Carl August und Christian Gottlieb Jun. die vom Vater begründete Produktion fort, jedoch jeweils als Einzelunternehmer, anstatt die Kräfte zu bündeln.
Der ältere Carl August Wellner war es dann, der gemeinsam mit seinen Nachfahren das Imperium schuf, das seine Erzeugnisse in alle Welt exportierte. Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts firmierte man als Sächsische Metallwarenfabrik August Wellner Söhne. Im Jahr 1913 soll das Unternehmen bereits 5000 Mitarbeiter beschäftigt haben.
Jochen Voigt: „Die anachronistischen Arbeiten des Historismus, die den Anschein kunstvoller Handarbeit erwecken wollten und doch nur kitschige Massenartikel waren; und auch die üppig geformten bzw. dekorierten Serienprodukte des Jugendstils hatten nach dem Ersten Weltkrieg eigentlich kein Potential mehr und riefen nach Ablösung durch klare, geometrische Formen. In der zunehmend maschinell geprägten Zeit nach 1918 empfanden immer mehr Gestalter die feingliedrigen schnörkeligen Ornamente im Widerspruch zu deren Fertigungsweise stehend.
Nachdem schon im 19. Jahrhundert das Verfahren der galvanischen Abscheidung von edlen Metallen auf unedlere erfunden wurde, war man in der Lage, auch für bürgerliche Bevölkerungsschichten ‚silbernes‘ Tischgerät zu produzieren und damit ganz neue Kundenkreise zu erschließen. Und vielleicht war es auch eine Entwicklung im Sinne der Ressourcenschonung, denn es wurde nur noch ein winziger Bruchteil des ehemals gebrauchten Silbers benötigt. Als Korpusmaterialien dienten Kupfer, Messing, Zinn und Neusilber, also Metalle bzw. Legierungen, die sich besonders gut versilbern ließen. Mit der Entwicklung hin zu glatten Flächen und geometrischen Formen kam das polierte Silber besonders gut zur Geltung. Allerdings war nun auch höchstes technisches Geschick gefragt, denn auf den glatten Flächen machten sich kleine Mängel in der Versilberung viel schneller bemerkbar. Auch Aluminium kam erstmals für die Fertigung von Korpuswaren ins Spiel sowie Kunststoffe für Griffe und Dekorelemente, die im Gegensatz zur heute in der allgemeinen Wahrnehmung durchaus positiv besetzt waren.
Kunststoffe gelten heute als allgegenwärtiges Übel, was zu Beginn seiner Einführung kaum abzusehen war. Man empfand die synthetische Erzeugung von Werkstoffen als Krone wissenschaftlicher und technologischer Schöpfung, weshalb man sich nicht scheute, sie in Kombination mit Silber einzusetzen. Die Kostbarkeit avantgardistischer Objekte jener Zeit bemisst sich also weniger an ihrem Materialwert, sondern vor allem an der Genialität und Fortschrittlichkeit des Entwurfs.
Es würde der historischen Situation nicht gerecht zu glauben, dass in den 1920er und 1930er Jahren sachliche, geometrische Formen vorgeherrscht hätten. Was wir heute als Avantgarde verstehen, machte nur einen kleinen Teil der auf dem Markt erhältlichen Produkte aus. Auch die Akzeptanz dieser Angebote musste erst reifen und wachsen, die Überwindung des verschnörkelten und pseudohistorischen Formengutes brauchte viel Zeit. Die Käuferschicht war also noch klein. In der Gesamtbetrachtung erkennt man aber die Perspektiven, die sich in der kurzen Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg für damals und die kommenden einhundert Jahre eröffneten. Viele der an uns überkommenen Beispiele strahlen eine Modernität aus, die auf den ersten Blick vermuten ließe, dass sie aus der Gegenwart stammen.“
Nach Jahren des Sammelns hat sich Jochen Voigt entschlossen, seine Objekte dem Grassi Museum für Angewandte Kunst in Leipzig zum 150. Geburtstag 2024 als Schenkung zu übergeben. Dort wurden sie inzwischen katalogisiert und archiviert bzw. werden auf ihre Ausstellung und Online-Präsentation vorbereitet. Einen ersten Einblick in die Schenkung gibt die am 26. April 2024 eröffnete Foyerausstellung „Metallobjekte – Art déco und Neue Sachlichkeit. Schenkung Prof. Jochen Voigt“.
https://www.grassimak.de/museum/sonderausstellungen/vorschau/sammlung-voigt/
Abbildungen (von oben nach unten)
August Wellner Söhne . Deckeldose . Alpacca, versilbert . Aue (Erzgeb.) nach 1934
August Wellner Söhne . Teekanne, Kaffeekanne, Sahnegießer, Zuckerdose und Tablett . Alpacca, versilbert; schwarzes Horn . Aue (Erzgeb.) nach 1927
Édouard-Marcel Sandoz für Christofle . Zwölf Messerbänkchen in Form stilisierter Tiere, in Originalschatulle . Gallia-Legierung, versilbert . Paris Mitte 1930er Jahre
WMF . Kaffeekanne . Messing, versilbert; Holz lackiert . Geisslingen ca. 1935–40
unbekannter Hersteller . Mokkakanne, Sahnegießer, Zuckerdose und Tablett . Messing . vermtl. Deutschland 1930er Jahre
John Gordon Rideout für Wagner Manufacturing Company. Wasserkessel . Magnalite-Metall . USA, Entwurf um 1933