„Die grenzenlos scheinenden Möglichkeiten heutiger Computer lassen bisweilen vergessen, wie einzigartig die Wirklichkeit ist. Während sich Formen und Farben in atemberaubender Perfektion auf dem Bildschirm generieren lassen, versagt dieses Werkzeug in Bereichen, die das Auge mehr fordern. Die Kühle und Glätte von Porzellan; die nach Harz duftende, fein reliefierte Oberfläche eines gespaltenen Fichtenholzkantels; das leise Rascheln beim Blättern eines Buches oder die über Jahrhunderte gewachsene Patina auf einer gotischen Skulptur sind ästhetische Werte, die sich einer Computerdarstellung vollkommen entziehen. Sie können nur im Original erlebt werden. Werkstoffen und deren ästhetische Eigenschaften – im Kontext ihrer physischen Parameter – kommen im Entwurfsprozess große Bedeutung zu.
Die Untersuchung des Sinnlichen am Material, das schöpferische Hinterfragen von Alterungsprozessen oder das ‚auf den Kopf stellen‘ tradierter Sichtweisen führt im Studium immer wieder zu verblüffenden Entwicklungen. Vieles ‚Verschüttete‘ gilt es neu zu entdecken und scheinbar Artfremdes in die Überlegungen zu integrieren. Die heutige Flut an verfügbaren Materialien aus allen Teilen der Welt macht das Arbeiten eines Gestalters nicht unbedingt einfacher. Die Vielfalt des Angebotes ersetzt keinesfalls Phantasie, regt allenfalls an. Sich hier auf Entdeckungsreise zu begeben, lohnt in jedem Fall. In zunehmendem Maße, auch unter verkaufsstrategischen Gesichtspunkten, kommt der Oberfläche von Produkten weltweit eine ganz wesentliche Bedeutung zu; aber auch in der Innenarchitektur eröffnet sich ein weites Feld für derartige Untersuchungen. Unsere Studienprojekte im Bereich der Materialästhetik wollen auf diese Entwicklungen und Herausforderungen schöpferisch reagieren.“
Jochen Voigt
(Auszug aus dem Katalog „50 Jahre Holzgestaltung 1962–2012“, Westsächsische Hochschule Zwickau, 2012)
„Textur, Farbe, Härte, Biegefestigkeit, Spaltbarkeit, Geruch und Gewicht sind nicht nur ingenieurtechnische Daten aus dicken Handbüchern, sondern Schlüssel zu einer spezifischen Ästhetik des Materials Holz. Freilich gilt es, diese immer wieder aufs Neue zu entdecken, sie sichtbar, fühlbar oder sogar hörbar zu machen. Der Gestaltwandel des nachwachsenden Rohstoffes in all seinen denkbaren Facetten beschäftigt Künstler seit eh und je, denn Holz zählt neben Stein zu den ältesten Werkstoffen der Menschen. Ihm galt es schon vor tausenden von Jahren Form zu verleihen. Die zufällige oder gezielt gesteuerte Einwirkung von Wind, Sonne, Feuer, Wasser, Chemikalien und menschlichen Werkzeugen vermag Holz zu verändern, zu verfremden; stets aber nur im Einklang mit seinen stofflichen Besonderheiten. Das organische Wachsende, der geplante Eingriff und die Zufälligkeit verschmelzen in den vorgestellten Arbeiten zu immer neuen, teils verblüffenden Erscheinungsbildern. Dabei werden auch zerstörerische Elemente wie Hitze und Nässe ins Spiel gebracht, denen eine urtümliche Kraft innewohnt. Ganz bewußt sind holzfremde Stoffe, wie Kreide, Ton, Glas, Bitumen, Metall, Kunststoff oder Papier in den spannenden Dialog einbezogen. Holz erscheint uns nicht nur als ein formbarer Werkstoff, sondern zugleich als ein Träger besonderer ästhetischer Botschaften.“
Jochen Voigt
(Auszug aus dem Katalog „Transformationen“ zur Ausstellung im Museum für Kunsthandwerk Leipzig / Grassimuseum, 2003)
Die hier gezeigten Beispiele sind nur einige von mehreren Hunderten, die im Verlauf der Jahre an der Fakultät Angewandte Kunst Schneeberg entstanden. Ein riesiges Archiv beherbergt immer noch eine Vielzahl solcher Experimente, die unter Betreuung Prof. Voigts entstanden. Sein Katalog „Transformationen“, 2003 anlässlich einer Ausstellung im GRASSI Museum in Leipzig von ihm verfasst und gestaltet, ist sein Credo für die Echtheit des Materials und den daraus erwachsenden ästhetischen Qualitäten. In einer Welt, die zunehmend virtuelle Komponenten aufweist, ist die Besinnung auf das „Echte“ unabdingbar.
Andreas Will (Fakultät Angewandte Kunst Schneeberg, Studienrichtung Holzgestaltung): porzellanähnliche Gießmasse, in Hohlräume gegossen und herauspräpariert.
Friederike Hofmann (Fakultät Angewandte Kunst Schneeberg, Studienrichtung Holzgestaltung): Kunststoffbecher, unter Hitzeeinwirkung verformt und im Raster angeordnet.
Randolf Schott (Fakultät Angewandte Kunst Schneeberg, Studienrichtung Holzgestaltung): schwarz gefärbte Ahornfurnier-Quadrate mittels glasfaserverstärktem Klebeband zu einer Fläche verbunden, durchleuchtet.
Sebastian Turtl (Fakultät Angewandte Kunst Schneeberg, Studienrichtung Holzgestaltung): Flächenstudie, bestehend aus quadratischen Einzelelementen, die mit Lackfäden strukturiert sind (Gesamtgröße 100 x 25 cm).
Rosi Gröschl (Fakultät Angewandte Kunst Schneeberg, Studienrichtung Holzgestaltung): Flächenstudie aus Furnierschichtungen, diagonal angeschliffen.
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