Zinnvoll . Studienarbeit von Lukas Meier . Fakultät Angewandte Kunst Schneeberg

künstlerische Projekte

Freie künstlerische Projekte sind auch in einem Designstudium wichtige Bausteine zur Entwicklung eines von Normen unverstellten schöpferischen Denkprozesses. Aus der Vielzahl solcher Semesterprojekte seien willkürlich drei herausgegriffen:

Zinnvoll 

„Zinn ist ein wunderbares Metall, aber kaum ein typischer Werkstoff für angehende Holzgestalter. Eigentlich eine wunderbare Konstellation, da keine Befangenheiten die Kreativität hemmen können. Im sächsischen Erzgebirge begleitet das hier vorkommende Zinn über Jahrhunderte die kulturelle Entwicklung, bis es im 20. Jahrhundert stark an Bedeutung verliert. Seit kurzem ist es wieder in aller Munde, denn Wissenschaftler vermuten 160000 Tonnen Zinn unter den Bergen des Süderzgebirges – das größte Vorkommen der Welt. Euphorie und Angst halten sich die Waage. So die einen bereits von Reichtümern träumen, befürchten die anderen eine beispiellose Zerstörung der Umwelt. Das silbrige Metall spaltet die Menschen: Anlass für acht Schneeberger Designstudenten, die Faszination des Metalls auf künstlerischem Weg zu erkunden.

Unter dem Motto „Kitsch zu Kunst“ wurden historisierende Kunstgewerbeartikel aus Zinn erworben, in einer künstlerischen Aktion eingeschmolzen und zu neuen Objekten umgeformt. Das vollkommen freie, sehr experimentelle Herangehen zeitigte erstaunlich poetische Ergebnisse, die von hauchdünnen, wie poliert wirkenden Gebilden an zarten Fäden (Lukas Meier) über Naturabgüsse von Blättern, die sich im Wind wiegen (Yukiko Umezawa), bis hin zu abstarkten Formen von beachtlicher Mateialstärke reichen, die auf Linie gestellt wie eine Parade von Phantasietieren wirken (Katharina Häffner). Dreißig Objekte und einkünstlerischer Film dokumentieren die Ergebnisse eines Semesters, indem auf ungewöhnliche Art der Ästhetik eines Metalls nachgespürt wurde.“
(Jochen Voigt in: ART AUREA 4–2013, S. 147)

Die Ergebnisse des Projektes wurden auf der Grassimesse 2013 in Leipzig vorgestellt. Organisation Prof. Jochen Voigt.
 

Schachfigur & Skulptur

Anlässlich der Schacholympiade 2008 in Dresden wurde die Idee entwickelt, eine Ausstellung mit Großschachfiguren im Foyer des Sächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst auszurichten. Speziell für dieses Projekt entwickelten mehrere Studierende zahlreiche Figurensätze bis 1,50 m Höhe.
Im freien Experiment wurde sich nach und nach den Lösungen angenähert, die von großer Phantasie gekennzeichnet waren. So entstand beispielsweise ein Figurensatz, bei dem nur die Umrisse der einzelnen Figuren aus Quadratdraht wiedergegeben sind, wodurch sich ein reizvolles Spiel der Linien mit zahlreichen Überschneidungen entfaltet (Michael Hensel). Anna Nebels Figuren sind Hohlkörper, die mit transluzentem Kunststoff überzogen sind. Im Licht aufgestellt entstehen zarte Durchleuchtungen. Mit Weinkelchen operiert ein Spiel von Friederike Hofmann, bei dem Rotwein und Weißwein die jeweilige Partei anzeigen, der Füllstand hingegen den Rang der Figur. Erwartungsgemäß besitzt der König den höchsten Füllstand, der Bauer den geringsten.
 

Fiktive Realität – Reale Fiktion

Häufig wird unsere Wirklichkeit von Fiktionen überlagert:  von virtuellen Welten im web, von Produktfälschungen, von Materialimitationen,  von manipulierten Fotografien, von Menschen mit gefälschten Biographien, von künstlichen Landschaften und getürkten Nachrichten – den fake news. Selbst die Kunst hat das Thema längst für sich entdeckt. Das Projekt widmete sich in spielerischer Weise dem Thema „Ästhetik des Fiktiven“. Kleine Dinge oder Ausschnitte aus der Realität wurden von den Studierenden gesucht, gefunden und abgeformt, mittels Gießtechnik reproduziert und zu etwas Neuem zusammengesetzt. Mittels einer porzellanartigen Gießmasse wurden skurrile Formen einer fiktiven Realität entwickelt. Die erstaunlichen Ergebnisse, wie etwa die Zahnwiese von Julia Hrdlicka, bei der 480 Abgüsse eines Backenzahnes der Studentin verarbeitet wurden, oder die Teebeutel aus Porzellanmasse von Lukas Schubert, die im Wind eines Propellers aneinander schlagen und ein feines Klirren erzeugen, oder die giftgrün eingefärbten Abgüsse von Pralinen von Marlen Tröger sind Ausdruck einer ausufernden Phantasie. Sie zeigen auch, dass derartiges nicht virtuell im Computer entstehen muss (wie es tagtäglich geschieht), sondern ganz bodenständig durch Beherrschung handwerklicher Techniken.
Parallel zu den vielen Abgüssen entstand ein künstlerisches Video aus Versatzstücken der Realität, die zu einer Fiktion zusammengefügt wurden.
 

Abbildungen (von oben nach unten)

Experimentelle Arbeit von Lukas Meier (Angewandte Kunst Schneeberg, Studienrichtung Holzgestaltung) aus dem Projekt „Zinnvoll“: Flüssiges Zinn wurde aus großer Höhe auf eine Glasplatte getropft. Die papierdünnen Objekte mit teilweise hochglänzender Oberfläche sind an Fäden befestigt und drehen sich allein durch Luftbewegung im Raum um die eigene Achse. Zinn ist als schweres Metall bekannt (Dichte 5,769 g/cm3). Im Gegensatz dazu erscheinen die Objekte geradezu federleicht.

Experimentelle Arbeit von Yukiko Umezawa (Angewandte Kunst Schneeberg, Studienrichtung Holzgestaltung) aus dem Projekt „Zinnvoll“: Abgüsse von Blättern, gefunden im Stadtpark von Schneeberg. Durch das Abgießen der filigranen  Pflanzenteile entstehen schwere Abformungen, die jedoch durch ihre Befestigung an langen federnden Drähten wieder zu schwingenden Leichtgewichten werden.

Experimentelle Arbeit von Katharina Häffner (Angewandte Kunst Schneeberg, Studienrichtung Holzgestaltung) aus dem Projekt „Zinnvoll“: Beim Ausgießen des flüssigen Zinns ohne Gussform entfalten sich ähnlich wie beim silvesterlichen Bleigießen  fantasievolle Zufallsformen. Durch Kultivierung des Zufalls entstand diese „Tierparade“.

Durch die Beschäftigung mit Vierkantdrähten entstand dieses Großschach, bei dem die Figuren nur durch ihre Umrisse wirken. Entwurf und Ausführung Michael Hensel (Angewandte Kunst Schneeberg, Studienrichtung Holzgestaltung).

Die Schachfiguren aus Holzwerkstoff und transluzentem Kunststoff entfalten ihre Wirkung besonders bei Durchleuchtung. Entwurf und Ausführung Anna Nebel (Angewandte Kunst Schneeberg, Studienrichtung Holzgestaltung).

Großschach von Friederike Hofmann (Entwurf und Ausführung). Füße und Stiele aus Aluminium, Kelche aus Glas.

Die Teebeutel (Abgüsse mit einer Porzellangießmasse) von Lukas Schubert (Angewandte Kunst Schneeberg, Studienrichtung Holzgestaltung) verschmelzen Aspekte der chinesischen Teekultur mit denen der Porzellanerfindung.

Schwarzer Humor: Giftgrüne Pralinen (Abgüsse mit einer eingefärbten Porzellangießmasse) unter dem Titel „Für gute Freunde“, eine Arbeit von Marlen Tröger (Angewandte Kunst Schneeberg, Studienrichtung Holzgestaltung).

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